Corona Blog – 11-09-2020

Wehr Dich!Sarita Lamichhane, gruenderin von Prayatna Nepal nutzt ihren Blindenstock um sich zu wehren

 

(Von Chacko Jacob)

Eine Frau versucht, in einen Bus einzusteigen. Sie schafft es kaum, denn der Busfahrer hat keine Zeit zu verlieren. Während der Bus Gas gibt und auf der mit Schlaglöchern besäten Straße auf und niederhüpft, zieht sie sich an einem Griff hoch und stolpert in die übervolle Kabine.

Da spürt sie plötzlich eine helfende Hand, die sie zu eine Haltestange führt. Ihre Dankbarkeit ist kurz, sie wechselt schnell zu Ekel, als sich der “Retter” gegen sie schiebt.

“DON’T TOUCH ME LIKE THAT!”, ruft sie aus. Der Mann schnellt peinlich berührt zurück. Sein Übergriff auf jemanden, den er für ein doppelt schwaches Opfer hält, denn es handelt sich um eine blinde Frau, wird diesmal zu einer öffentlichen Blamage.

Das ist eine kleine Szene, mit der Sarita Lamichhane, eine 2014 kanthari Absolventin, ihre Abschlussrede beginnt. Feurig und leidenschaftlich, kämpft Sarita seit dieser Erfahrung gegen die doppelte Diskriminierung, blind und Frau zu sein, an. Sarita wuchs im ländlichen Nepal auf. Sie war von Geburt an blind.

Obwohl sie im Alter von sechs Jahren an einer inklusiven Internatsschule eingeschrieben war, war es der Vater, der sie unterrichtete. Die Lehrer wussten nicht, wie man Braille lernen konnte, doch der Vater eignete sich die Schrift an und sorgte dafür, dass Sarita die bestmögliche Bildung bekam.

Für das höhere Studium zog sie dann nach Kathmandu. Da kam sie mit anderen Blinden in Kontakt und sie engagierte sich bei Organisationen, die besonders mit blinden Frauen arbeiteten. Sie wurde politisch und prangerte die Haltung der Gesellschaft gegenüber blinden Frauen an.

Aufgrund ihrer guten Abschlussnoten, wurde Sarita ein sicherer Beamtenjob angeboten. Sie sollte als Lehrerin in einer Schule arbeiten. Doch zur gleichen Zeit bewarb sie sich auch für das kanthari Program. Und auch hier wurde sie genommen.

Nun hatte sie zwei Optionen: Sich in den Mainstream zu integrieren, um so ein Minimum an “Normalität” zu erreichen, etwas, das verständlicher Weise von den meisten Blinden Menschen angestrebt wird, oder freiwillig sich den Zwängen der Gesellschaft zu entziehen, groß zu träumen und dabei keine Angst vorm Scheitern haben zu müssen.

Die Wahl fiel ihr nicht schwer. Sie entschied sich für kanthari und damit für eine Zukunft als Verteidigerin von Frauen-Rechten. Es war für Sarita immer klar: sie wollte ausbrechen, Veränderungen einleiten und eine Organisation leiten. Sie wollte eine Führungspersönlichkeit sein. Ich wähle hier sehr sorgfältig das Wort “Führungspersönlichkeit”.
Dabei gehe ich auf Google-Bild-Suche und gebe das Wort “Führungspersönlichkeit” ein.
Nun wird mir eine Vielzahl voneinander ähnelnden Bildern angeboten. Hier ein typisches: ein weißer Mann in einem schwarzen Anzug, der über einer Menge von Zuhörern aufragt. Seine Krawatte fliegt im Wind und er zeigt mit ausladender Geste in eine Richtung, in der ihm bald alle folgen werden.

Klar ist, wir sind alle an politische Führungspersönlichkeiten oder auch an CEOs von multinationalen Unternehmen gewöhnt, die mit teuren Universitätsabschlüssen wedeln und damit Macht ausüben. Und obwohl die meisten Führungspersönlichkeiten zunächst einmal ihren eigenen Interessen nachjagen, akzeptieren wir das als ein Muster, das zu Führung gehört. Seltener gibt es diejenigen, die das Eintreten für Rechte der nicht-privilegierten oder auch den Umweltschutz über die eigenen Interessen stellt.

Aber für solch eine Führungspersönlichkeit benötigen wir einen vollkommen anderen Typus. Jemanden, der sich nicht für Macht, Reichtum oder Ruhm interessiert, aber von innen heraus für eine Veränderung der Gesellschaft stark macht. Um diesen, eher selbstlosen Ansatz aufrecht zu erhalten, müssen diese Führungspersönlichkeiten selbst Ungerechtigkeit erlebt und überlebt haben.

Wie die meisten Kantharis ist Sarita eine Führungspersönlichkeit, die aus eigener Erfahrung agiert, um die Gesellschaft zu verändern. Doch während ihrer Zeit im kanthari Institut erkannte sie, dass nicht nur die Gesellschaft ihre Einstellung gegenüber blinden Frauen ändern musste. Auch die blinden Frauen müssen lernen, umzudenken, um der täglichen Frauen Feindlichkeit zu begegnen. Dafür brauchen sie Motivation und Selbstvertrauen.

Sarita gründete Prayatna Nepal, eine Organisation, die sehbehinderte Mädchen und junge Frauen befähigt, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen.

Die Ziele der organisation sind vielfältig:

  • Vermittlung von Lebenspraktischen Fertigkeiten sowie Konflikt Management.
  • Training in berufsrelevanten Kompetenzen.
    und
  • Ausbildung in Selbstverteidigung.

Besonders die Selbstverteidigung war in Zeiten der Pandemie für viele blinde Frauen überlebenswichtig. Der überhöhte Alkoholkonsum während der Ausgangssperre hatte besonders bei Männern drastisch zugenommen. Berichte über Misshandlungen durch Betrunkene, veranlassten Prayatna Nepal ein virtuelles “Kampf”-Training für blinde Frauen anzubieten.

Ob Corona oder nicht, Prayatna Nepal bleibt am Ball, um den vielen neu aufkommenden Notwendigkeiten nachzukommen.  So bietet die Organisation neue Schulungen an in den Bereichen:

  • Menstruationshygiene,
  • Dialogen zum Thema Feminismus und Behinderung,
  • Schreiben von Lebensläufen,
  • Sexualunterricht
  • Interview Techniken,
  • Selbstrettung in Erdbeben,

und

  • einen Kurs im Unterzeichnen (normaler Weise unterzeichnen Blinde Menschen in Asien mit einem Daumenabdruck und werden so aus vielen rechtsgültigen Angelegenheiten ausgeschlossen.)

Am Beispiel Sarita können wir Folgendes lernen: Wut über ungerechte Zustände und Empathie bilden die Voraussetzungen für eine Führungspersönlichkeit, die von innen heraus agiert und so in der Lage ist, sehr viel nachhaltiger zu verändern.

Mehr Information über Saritas Arbeit finden Sie unter https://www.prayatnanepal.org

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