ich hoffe - espero

ich hoffe

Von Chacko Jacob,

Es war am 5. September 2021, eigentlich ein ruhiger Sonntagmorgen auf dem kanthari campus, als Joseph Christophe Kone durch folgende Nachricht geweckt wurde: Unruhen in Guinea, Schüsse in der Hauptstadt! Streitkräfte hatten den Präsidenten gefangen genommen. Ein Kommandeur der Spezialeinheiten kündigte daraufhin die Auflösung der Regierung an und er sorgte dafür, dass die Verfassung des Landes als ungültig erklärt wurde.

Während ein Schatten über der Hauptstadt lag und Männer aufeinander schossen, wurde von den Frauen des Dorfes Kongonineh, einer der Gemeinden, mit denen Joseph zusammenarbeitet, etwas Grundsätzliches verändert.

In Kongonineh ist es üblich, dass Frauen zur Entbindung in den Busch geschickt werden. Doch die Frauen hatten beschlossen, dass es genug sei. Eine von ihnen hatte gehört, dass es in anderen Ländern Geburtshäuser gäbe. Und so nahmen sie die Situation selbst in die Hand. Mit Hilfe von Espero, der von Joseph und seinen Teamgefährten gegründeten Organisation, konnten rund 75 einheimische Frauen eine Bohnenernte einfahren. Ein Teil des erwirtschafteten Geldes wurde für den Bau einer einfachen Lehmhütte verwendet. Die hütte wurde nun das Geburtshaus. Nicht gerade bequem, aber deutlich sicherer als der wilde Busch.

Joseph wurde zunächst über E-mail über alle Vorkommnisse in seinem Land und den Gemeinden informiert. Bei seiner Rückkehr von kanthari konnte er aber seinen Augen nicht trauen. Er war zu tränen gerührt über diese Initiative. Vielleicht aber war ihm auch zum Weinen, da die Hütte immernoch recht armselig und unhygienisch wirkte. Joseph erzählte die Geschichte einem Ingenieur, der dann einen Plan entwickelte, die Hütte zu einer richtigen kleinen Klinik umzugestalten.

Joseph ist, wie er von sich selbst sagt, ein Feminist. Das überrascht nicht, denn er verdankt sein Leben starken Frauen, seine Mutter und seiner älteren Schwester.

Damals lebten sie noch in Liberia und ihre gesamte Kindheit wurde von den Schrecken des Bürgerkriegs überschattet.

Als die Gewalt ausbrach, war es Josephs Mutter, die die beiden Kinder durch lange Fußmärschen in Sicherheit brachte. Um den Rebellen zu entkommen, versteckten sich die älteren Menschen und die kleinen Kinder in einer Höhle in der Nähe eines Bauernhofs, während Josephs Mutter und seine Schwester jeden Tag auf Nahrungssuche gingen.

Obwohl die Initiative der Frauen von Kongonineh seine Entschlossenheit, das Esperro Projekt zu verfolgen, bestärkten, wurde ihm die Rückkehr nicht leicht gemacht.

Da gab es rechtliche Probleme mit den Nachbarn, die ihr Vieh durch seine Reisernte trieben, verzögerungen in der Ausstellung der Papiere für den Start seiner Organisation und generell Chaos in der Bürokratie des Landes aufgrund des Militärputsches und nicht zuletzt überhöhte Erwartungen der Frauen seines Dorfes, denn Joseph, der vom reichhaltigen kanthari-Essen etwas zugelegt hatte, wurde plötzlich als wohlhabender Herr aus der Ferne wahrgenommen.

Espero verfolgt einen dreigleisigen Ansatz im Kampf gegen Geschlechter Gewalt: Es gibt einen Radiosender mit einem Programm, das die Gleichstellung der Geschlechter fördert, einen Kinder-Club, in dem Jungen und Mädchen Spaß haben und gleichzeitig Respekt für einander entwickeln sollen. Zudem gibt es ein Landwirtschaftsprojekt für ältere Frauen in vier verschiedenen Gemeinden, das ihnen eine Existenzgrundlage bietet.

Bevor er nach kanthari kam, hatte er bereits genügend Unterstützung von seinen lokalen und internationalen Partnern erhalten, um die gesamte Ausrüstung für seinen Radiosender zu finanzieren und einzurichten. Aber die Tatsache, dass für die Beantragung einer kommerziellen Radiolizenz ein Kontostand von mindestens 20.000 USD erforderlich ist, hat das Espero Radio Vorhaben zunächst einmal zurückgeworfen. Die lokalen und internationalen Partner, die von Esperos neuen Zielsetzungen und Josephs kontinuierlicher Kommunikation und Offenheit beeindruckt sind, haben jedoch beschlossen, ihm treu zur Seite zu stehen, bis Espero seine Rundfunklizenz erhält. Dies ist eine Lehre für alle Changemaker, wie wichtig es ist, gute Beziehungen zu Unterstützern zu pflegen, auch wenn oder gerade weil es schwierig wird.

In der Zwischenzeit hat espero geschafft, vier Kinder-Clubs in vier Schulen einzurichten. Ein interessanter Aspekt dieser Clubs ist, dass die Kinder ihre Aktivitäten demokratisch auswählen. In Zukunft werden sie auch bei der Mittelbeschaffung für die Aktivitäten, die sie durchführen wollen, eine wichtige Rolle spielen. Zudem treiben die Kinder in diesen Clubs Sport, veranstalten Geburtstagsfeiern, Debatten und vieles mehr. Dabei geht es sowohl darum, besonders in Zeiten des ewig aufschwellenden Bürgerkriegs, die Jungen und Mädchen Kinder sein zu lassen. Aber es geht Espero auch darum, den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, zu verantwortungsvollen und gewaltfreien jungen Persönlichkeiten heranzuwachsen. Sie sollen zu  Menschen werden, die über alle Geschlechtergrenzen hinweg einen Respektvollen Umgang leben. Die Resonanz der Kinder ist überwältigend. Einige von ihnen stürmen sogar zu ungewöhnlichen Zeiten in Josephs Haus und fragen aufgeregt, was als nächstes auf dem Programm steht.

In meinem letzten Gespräch mit Joseph fragte ich ihn, wie der Rest des Jahres 2022 aussehen wird und ob sich die Krisen legen werden. Er antwortete: “Ich weiß es nicht, aber ich bin voller Hoffnung”.

Der Name seiner Organisation passt jetzt perfekt, denn Espero bedeutet auf Esperanto “Ich hoffe”.

Für Joseph ist “Hoffnung” kein politisches Schlagwort oder ein Wunsch, dass sich die Dinge von selbst regeln werden. Es ist das, was ihn antreibt, seine Arbeit fortzusetzen. Er hofft, dass Espero Radio im Dezember starten wird. Er hofft, dass die Frauen, die in der Landwirtschaft tätig sind, ihre Aktivitäten auf die Viehzucht ausweiten können, und er hofft, dass die kleinen Jungen und Mädchen aus mit Empathie und Respekt füreinander aufwachsen.

Viel Glück, Joseph, das hoffe ich auch.


http://esperoafrica.org/

 

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