Nematullah Ahangosh, Gruender von Stretch More.

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“Stellen Sie sich vor. Während eines bewaffneten Konflikts sind Sie an einen Baum gefesselt, was es Ihnen unmöglich macht, der Gewalt zu entkommen. Sie sehen den Tod in Form eines Gewehrs auf den Schultern der wütenden Männer hängen. Ihr Herz rast und Sie fürchten um Ihr Leben.” Nematullah Ahangosh kommt aus Afghanistan und kann, seit die Taliban das Regime übernommen haben, nicht mehr zu seiner Familie und in sein Heimatland zurückkehren.
Er selbst ist körperlich behindert. Er sagt: “Wir Behinderten sind in Ländern, die von Bürgerkriegen, Erdbeben, Stürmen und Überschwemmungen heimgesucht werden, täglich mit der Situation konfrontiert, hilflos zu sein. Wo immer es eine Krise gibt, haben wir nur begrenzte Möglichkeiten. Wir können uns ducken, verstecken und werden vielleicht vergessen. Das muss sich ändern; wir müssen überleben, indem wir unsere Sicherheit selbst in die Hand nehmen”.
Mit seiner Organisation “Stretch More” plant er mobile Parcours, durch die Behinderte auf Krisen durch erste Hilfe Techniken, sportliche Aktivitäten, durch Entrepreneurship-Kurse und durch Führungsqualitäten selbst befähigen können, ihr Leben in die Hand zu nehmen


Wir sind da, nur für den Fall, dass Sie uns vergessen haben

Im Sommer 2021 war Afghanistan in allen Nachrichtenkanälen der Welt, aber was wissen wir über die Behinderten in diesem Land, insbesondere über diejenigen, die körperliche, geistige oder sensorische Behinderungen haben?
Nun, wir können uns verstecken und versuchen zu fliehen, aber das Gefühl der Abhängigkeit ist immer noch da. Wir verwandeln uns langsam, aber stetig in Gespenster und versuchen zu verschwinden, als hätten wir nie existiert. Aber genau das dürfen wir nicht zulassen, denn gerade in chaotischen Situationen ist unsere Würde in Gefahr. Uns wird allzu deutlich signalisiert, dass wir eine Last sind oder, vielleicht genauso schlimm, wir fühlen uns unsichtbar und damit vernachlässigt.
Dieses Gefühl bleibt auch nach Überwindung der Krise bestehen. Die Integration in den Mainstream scheint unmöglich und das liegt an der Intoleranz unserer Umgebung, die teilweise durch das tägliche Chaos ebenfalls beeinträchtigt oder sogar traumatisiert ist.

Ich wusste erst sehr spät, dass ich eine Behinderung hatte. Es war an einem heißen Sommertag in Kabul. Ich war gerade 13 Jahre alt. Ich verkaufte nicht genug auf der Straße und hatte kein Geld, um Essen für meine Familie zu kaufen. Als ich an einem kleinen Restaurant vorbeikam, roch ich feine afghanische Kebabs. Ich war hungrig, müde und hatte noch einen langen Weg vor mir, bevor ich nach Hause kam.
Ich fragte mich, warum ich so langsam war. Lange Zeit wusste ich keine Antwort, bis ich merkte, dass die Leute sich über mich lustig machten und sagten, dass ich aussah, als wollte ich tanzen.

Mein Onkel ließ mich nie auf seinem Esel reiten, weil er kein Vertrauen in meine motorischen Fähigkeiten hatte. Ich überredete ihn und fand mich dann auf dem Esel wieder. Ich war aufgeregt. Mein ältester Cousin nahm die Peitsche und schlug dem Tier auf den Hintern. Der arme Esel fing an, schneller zu werden, und ich genoss es. Meine Cousins waren bereit, sich das Drama anzusehen. Sie dachten, ich würde mich vor dem Galoppieren fürchten. Aber das tat ich nicht. Jemand versetzte der armen Kreatur noch einen kräftigen Peitschenhieb. Jetzt wurde es wild. Ich klammerte mich fest an den Sattel und ja, jetzt bekam ich Angst. Es ging alles gut, bis das Tier mit mir über einen Bach sprang. Ich verlor das Gleichgewicht und fühlte mich einen Moment lang schwerelos. Meine Brust zog sich zusammen; ich konnte nicht schreien. Da ich keinen Boden unter mir hatte, war das Wiehern des Esels das Letzte, was ich hörte. Bevor ich landete, sah ich den strahlend blauen Himmel und eine flauschige Wolke, die über mir hing; alles war so friedlich. Ich fühlte mich taub und konnte das Lachen meiner Cousins kaum hören. Als ich mit dem Rücken auf dem Boden aufschlug, wurde alles schwarz. Ich öffnete meine Augen und spürte einen unerträglichen Schmerz. Am Horizont konnte ich nur den weißen Schweif und den Sattel sehen und die Hufe hören. Ich war erleichtert, als ich die anderen auf mich zurennen sah. Ich wollte stark sein und rief ihnen zu, dass es mir gut ging. Doch sie liefen weiter und zogen an mir vorbei. Sie waren gar nicht an mir interessiert, offenbar rannten sie, um ihren Esel einzufangen!

Wie jeder andere Teenager wollte ich bei Fußballspielen mitmachen. Aber niemand wollte mich in seiner Mannschaft haben. Da ich dickköpfig war, nahmen sie mich als Torwart auf, aber das klappte nicht, denn ich zog mir bei jedem Ball, der reinging, den Zorn der anderen zu. Wie sehr wünschte ich mir, dazuzugehören!
Blicke ich zurück, waren dies nur kleine Krisen, die ich bewältigen musste. Was aber hätte ich in einem vom Krieg zerrütteten Land getan, wenn ich vor der Gewalt hätte fliehen müssen? Ich kenne die Antwort nicht. Ich habe in der Hauptstadt gelebt, was bis zum Sommer 2021 ziemlich sicher war. Aber soweit ich mir vorstellen kann, wäre ich nicht in der Lage gewesen zu fliehen.

Erst später wurde mir klar, dass diese Einschränkungen für immer ein Teil von mir sein würden. Im Jahr 2016 wurde bei mir Muskeldystrophie diagnostiziert, eine seltene Behinderung, die die Muskeln mit der Zeit schwächt. Ein Neurologe sagte mir, dass es keine Heilung gibt und dass ich schwimmen lernen sollte, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.

In Kabul besuchte ich Schwimmbäder und sprach Trainer an. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ich schwimmen lernen könnte und weigerten sich daher, mir Unterricht zu geben.

Während meiner Studienzeit in Chennai, Indien, ging ich oft an einen Strand. Dort wurde ich von einer Welle getroffen und verlor das Gleichgewicht. Ich fiel und die Wellen drückten mich nach unten. Es fühlte sich an, als würde ich ertrinken. Zum Glück zog mich mein Freund zurück ans Ufer. Danach wollte ich nicht mehr in der Nähe von Wasser sein, so sehr ich auch schwimmen lernen wollte.

Aber nur kurze Zeit später wurde ich zu einem zweiten Versuch gedrängt. Es war am Ufer des Vellayani-Sees auf dem kanthari-Campus in Kerala. Alle bemühten sich, mich ins Wasser zu bekommen. Nach fünf Minuten wollte ich wieder raus. Sabriye Tenberken, die Mitbegründerin von kanthari, die völlig blind und eine gute Schwimmerin ist, sagte: “Wenn du deine Angst jetzt nicht überwindest, wirst du nie in der Lage sein, zu schwimmen. Das gab mir den Ruck, den ich brauchte und seitdem war ich jeden Tag im Wasser.

Innerhalb einer Woche lernte ich Brust- und Rückenschwimmen. Mir wurde klar, dass wir im Wasser alle gleich sind, ob behindert oder nicht.
Diese Erfahrung gab mir den Ansporn, Menschen mit Behinderungen zu fördern. Insbesondere diejenigen, die sich in Krisenzeiten selbst retten müssen.
Ich möchte, dass wir, die Behinderten, sich einen Ruck geben, um unsere eigenen Lebensträume zu erfüllen und in Krisenzeiten überleben können.
Der Weg dahin mag holprig sein, aber das Ergebnis wird uns immer bereichern.

Gemeinsam mit anderen Behinderten und engagierten Nicht-Behinderten plane ich einen mobilen Empowerment-Parcour, bei dem wir versuchen werden, Behinderte für das Überleben in und nach Krisen stark zu machen.
Wir wollen zu Problemlösern werden, denn wir werden uns auf unsere ebenfalls hilflosen nicht behinderten Mitmenschen nicht ohne Weiteres verlassen können.

Die behinderten Trainer haben selbst Folter, Hunger, Bombenexplosionen, Überschwemmungen, Feuer, Stürme und Erdbeben überlebt. Um zu verhindern, dass wir Menschen mit Behinderungen in Krisensituationen auf der Strecke bleiben, müssen wir uns durch sportliche Aktivitäten, Unternehmertum, Überlebenstechniken und Führungstraining selbst befähigen. “Stretch More” wird der Name dieses mobilen Empowerment-Parcours sein, der eine Reise mit lebenslanger Wirkung bieten wird.


Nematullah wird seine Geschichte und Projektidee während der kanthari TALKS presentieren.
Weitere Einzelheiten zu dieser Veranstaltung, die live gestreamt wird, finden Sie auf http://www.kantharitalks.org/

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