Wenn große Ideen über kleine Hindernisse stolpern

Wenn große Ideen über kleine Hindernisse stolpern

von sabriye tenberken

Heute möchte ich einen Botschafter für eine etwas verrufene Spezies vorstellen. Es handelt sich um einen Fürsprecher von Insekten, oder genauer: für die Fliege.

Fliegen haben einen Fürsprecher tatsächlich dringend nötig. Sie haben ein wahrhaft schlechtes Image. Denn wenn immer es in den Nachrichten um Krankheiten oder missglückte Ernten geht, haben Fliegen oft ihre Flügel im Spiel. Kann man solche Insekten wirklich lieben? Ich kenne Bienenzüchter und Ameisenforscher, die einen schnell davon überzeugen können, wie faszinierend diese kleinen Lebewesen sind. Aber Botschafter für Fliegen sind mir bis zu unserem 12. kanthari Kurs noch nicht untergekommen.

Doch dann kam Tobi Adegbite aus Nigeria und vieles änderte sich. Ich habe selten jemanden getroffen, der sich mit so viel Glaubwürdigkeit in die “großen dunklen Augen” der schwarzen Soldatenfliege verguckt hat.

Er redete über seine Fliegen, über die dazugehörigen, recht hungrigen Larven sowie über die ziemlich eindrucksvoll großen Puppen, als wären es kleine knuddelige Welpen.

“Du findest sie überall, besonders in den Tropen! Schau mal hier, wie hübsch!” Verzückt hielt er mir hier auf dem Campus eine Hand voll klickernder Puppenleiber vor die Nase. Seine Stimme bekam einen ganz sanften Ton, als er mir erklärte, dass es nun nur noch ein paar Tage dauerte, und dann wären sie endlich flügge.

Zu Beginn konnte ich der ganzen Fliegen Schwärmerei nur eine humorige Note abgewinnen. Doch er blieb hartnäckig. Wie ein Bull-Terrier oder besser, wie eine Soldatenfliegen Larve biss er sich tief in die Materie und langsam, ganz langsam sprang sein Enthusiasmus auf uns über.

Adegbite Tobi Gabriel ist Biologe und Landwirt aus Nigeria. Seine Leidenschaft für Insekten und besonders für die schwarze Soldatenfliege hat ihren Ursprung in den vielen Missgeschicken, die er als aktiver Landwirt erfuhr. Damit war er aber nicht allein: Weltweit, stehen die meisten Landwirte besonders jetzt, in Zeiten des Klimawandels vor großen Herausforderungen. Viele sind aufgrund von Missernten hoch verschuldet. Und es gibt wenig Unterstützung, weder von fachlicher Seite noch finanzieller Art.

Doch Tobi sorgt sich auch zusätzlich um den Nachlass der Landwirtschaft. Eines der größeren Probleme sieht er in den organischen Abfällen, die verrotten und Methan, eines der verheerendsten Treibhausgase freisetzen. Methan ist ungefähr 30-mal schädlicher als CO2.

Ein anderes Thema, dass ihn bereits seit seiner Kindheit beschäftigte, war Hunger. Tobi stammt ursprünglich aus dem Norden Nigerias. Damals, während seiner Kindheit herrschte bereits Wasserknappheit. Sein Vater nahm ihn oft mit zur lokalen Regierungsbehörde, um Trinkwasser zu bekommen. Das musste dann in Eimern umständlich nach Hause getragen werden. Dabei kam er das erste Mal mit der Welt-Hunger-Hilfe in Kontakt. Dass viele Menschen in der Welt nicht genug zu essen haben, war etwas, das ihn sehr beunruhigte. Er beschloss, sich in das Thema Nahrung einzuarbeiten und so wurde er nach seinem Biologie Studium Landwirt auf Probe.

Zunächst baute er Gemüse an. Aber klein anfangen, war nicht sein Ding. Mit einem Team bewirtschaftete er gleich etwa 20 Hektar und… die Ernte missglückte, sein Team suchte das Weite und übrig blieb ein Berg Schulden.

Dann wurde der ökologische Landbau aktuell. Er beschloss, sich selbst noch einmal auf die Probe zu stellen, und natürlich wieder im ganz großen Stil, auf mehr als 30 Hektar. Doch wieder eine Bauchlandung, und der Schuldenberg wuchs.

Es dauerte einige Jahre, um die Schulden abzustottern, aber eines muss man Tobi lassen, er bleibt dran. Und während er mit all den Misserfolgen konfrontiert wurde, suchte er immer nach Lösungen. Und: “Sum-sum-sum” die Lösung kam ihm, durch die schwarze Soldatenfliege, buchstäblich zugeflogen.

“Eine Fliege?”, wunderte ich mich etwas angeekelt, als wir Tobis kanthari Bewerbung durchgingen. Ich kannte Fliegen bis dahin nur als lästige und eher unappetitliche Ursache eines Problems. “Seit wann sind Fliegen die Lösung?” Tobi erklärte mir später unter Gelächter, dass ich bloß nicht den Fehler machen sollte, alle Fliegen gleich zu stellen. Seine schwarzen Soldatenfliegen hätten keine Rüssel und seien dadurch weder an Mist noch an mir oder meiner Nahrung interessiert. Die ausgewachsenen Fliegen legen lediglich Eier. “Es sind die Larven, die die richtige Arbeit erledigen.”

Bevor wir also zu unserem Fliegen-Farmer zurückkommen, hier erst einmal ein paar Fakten, die mir seine Organisation Entojutu zu Verfügung gestellt hat:
Der gesamte Lebenszyklus einer schwarzen Soldatenfliege dauert etwa 30 bis 40 Tage an. Eine weibliche Fliege legt um die 500 Eier. Nach etwa vier Tagen schlüpfen die Larven. Zu Beginn ist eine Larve nicht viel größer als ein Millimeter. Doch wenn sie mal angefangen hat zu fressen, dann ist sie kaum zu stoppen und in 10 bis 20 Tagen gewinnt sie an Gewicht und Größe und wird bis zu 25 Millimeter lang. Dann verpuppt sie sich und nach drei weiteren Tagen ist die Transformation vollbracht. Das Futter besteht aus organischen Abfällen. Dazu gehören auch Fleisch- und Fischabfälle, etwas, das nicht in eine Kompostieranlage gehört, hier aber sehr efficient verwertet wird. Und wenn einmal die Larven so richtig vollgefressen sind, können sie auch als proteinreiches und sehr kostengünstiges Futter für Schweine, Hühner und Fische dienen. Das spart den Anbau von wertvollem Getreide oder den Zukauf von immer teureren Futtermitteln. Und es handelt sich um eine sehr nahrhafte, gesunde Nahrungsalternative, für Tier und Mensch.

Und…? Angefixt…?

Nun, wir hier im Campus waren alle gespannt, Beispiele für die durch Tobi hoch beworbene ‚Wunderwaffe‘ in Zeiten der Klima- und Nahrungs-krise zu sehen. Doch der Teufel steckte im Detail.

black soldier fly

Als die Larven sich verpuppten, bekamen wir, angeregt von den Düften und vielversprechenden Leckerbissen, Besuch von einer Mongoos Familie. In den dunklen Morgenstunden machten sie sich über die gesamte Brut her, um dann, ein wenig später mit vollen Bäuchen an unserem Bürofenster vorbei zu stolzieren.

Auch die nächste Generation hielt nicht lange. Einer unserer übereifrigen Mitarbeiter dachte, es handele sich bei dem schwarzen Getier, um unappetitliche Maden und “schwups” landete die nächste Ernte im Biogastank. Tobi versuchte verzweifelt seine “Lieblinge” aus dem übelriechenden Schlamm herauszufischen. Doch bis auf einen etwas strengen Körpergeruch und für einige Tage selbstverschuldete soziale Isolation, war das Ergebnis eher dürftig und das Experiment wurde abgebrochen.

Während des kanthari Kurses war er allerdings in der Lage, gemeinsam mit Paul einen Plan für ein mobiles Insektarium zu entwerfen. Leider kamen wir nicht mehr in den Genuss seiner Erfindungen und so reiste er Ende Dezember mit seinen Plänen zurück nach Nigeria und zurück zu seinem Team, das unter dessen in einem alten Schweinestall fleißig Soldatenfliegen züchtete.
“Und dann fing es an!”, seufzte Tobi durchs Telefon: “Ich bekam eine Ohrfeige nach der anderen!”
Kurz zusammengefasst: Tobi hatte die “gute Idee”, all seine wertvollen Papiere, ausgearbeitete Pläne gemeinsam mit seiner Geburtsurkunde in seinem Koffer zu verpacken und einzuchecken. Doch irgendwo auf der 23-stündigen Flugreise machte sein Koffer die Fliege und Tobi brauchte 2 Tage, mit ununterbrochenem Druck aufs Flughafenpersonal, um die Papiere wiederzubekommen.

Wegen all der Hektik vergas er obendrein, den gesetzlich verpflichteten Covid Test einzureichen. Und als er endlich mit seinem Hab und Gut nach Hause reisen wollte, wurde er kurzerhand von der örtlichen Polizei verhaftet und aufgrund des nicht vorhandenen Covid Tests sogar vor Gericht gestellt. Der Richter verdonnerte ihn zu einer immens hohen Geldstrafe. Aber woher nehmen? Seine Freunde fanden das komisch. Da kommst Du aus Übersee und hast kein Geld? Schließlich gab es doch einige barmherzige Bekannte, die ihn ‚freikauften‘. Als er endlich frei war, um sich seinen Fliegen zu widmen, bekam er Malaria und lag krank im Bett.

In der Zwischenzeit hatten seine Teamgenossen die Nase voll. Tobi war nirgendwo gesehen, sie benötigten Gelder, um zu überleben und der Vermieter, der den Schweinestall als Brutplatz für Tobis Fliegen zur Verfügung gestellt hatte, wollte nun plötzlich den dreifachen Preis.

Alles drohte zu verfallen. Doch Tobis Mentor, Lawrence Afere, ein kanthari aus 2012, machte ihm Mut. Lawrence leitet Springboard, eines der größten Trainingszentren für organischen Landbau in Nigeria. Insekten seien tatsächlich die Zukunft. Er solle nur nicht aufgeben. Lawrence experimentierte seinerseits mit Zikaden und hatte gute Erfahrungen gemacht.

Und dann ging es tatsächlich für Tobi los: Da der Schweinestall der Vergangenheit angehörte, machte er einen Neustart mit einem Onlinekurs. Acht junge Landwirte waren von seinen Ideen, dem mobilen Insektarium begeistert und setzen es nun in die Tat um.

Ein in Ostafrika und Indien beheimatetes Projekt, “making more health” möchte Tobi nach Kenia einladen, um dort 120 Landwirte auszubilden. Die Pläne, die er glücklicherweise mit allen anderen Papieren gerettet hatte, sind nun schon mal nach Kenia vorausgeflogen und werden dort von drei Trainingszentren in unterschiedlichen Regionen umgesetzt.
“Und warum bist Du noch nicht bei deinen Plänen in Kenia?”, frage ich Tobi. Er wimmert theatralisch. “Die Bürokratie stellt mir wieder mal ein Bein! Ich brauch einen neuen Pass und der nigerianischen Regierung ist das Pass-Papier ausgegangen!”

Dazu fällt einem eigentlich nichts mehr ein, alles scheint sich gegen Tobi verschworen zu haben. Doch wenn große Ideen über kleine Hindernisse stolpern, dann werden sie sich wohl kaum ein Bein brechen.

PS Gerade traf die gute Nachricht ein: Tobi hat endlich seinen Pass bekommen und die “Fliegerei” kann losgehen.

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